Blitzumfrage: „Czexit“-Diskussion beunruhigt 78 Prozent der Unternehmen. Mehr als ein Viertel würde Standortwechsel erwägen

21.03.18 AHK Tschechien - News-Hauptkategorie

Jörg Mathew, Foto Hochtief

Die Verunsicherung ausgelöst durch die Diskussion um einen Czexit, also den EU-Austritt Tschechiens, hat bereits die Managementetagen der Unternehmen erreicht – 78 Prozent sind durch die aktuelle Diskussion beunruhigt. Das zeigt die jüngste Blitzumfrage der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer (DTIHK) unter 150 Firmen. 28 Prozent würden bei einem Austritt aus der Europäischen Union erwägen, Investitionen zu verlagern. Die Wirtschaft fordert von der Politik ein klares „Ja“ zum Verbleib in der EU, die Herausstellung der Vorteile der Mitgliedschaft und mehr Sachlichkeit in der Debatte. Politik und Medien haben hier eine hohe Verantwortung, meint der deutsche Top-Ökonom Clemens Fuest.

Mit Beunruhigung blicken auf die Czexit-Diskussion, ausgelöst durch politische Verhandlungen über ein EU-Referendum, nicht nur 83 Prozent der ausländischen Investoren, sondern auch zwei Drittel der tschechischen Firmen. Am meisten beunruhigt sind große Produktionsunternehmen mit mehr als 250 Angestellten. Sollte ein EU-Austritt Tschechiens tatsächlich zustande kommen, würde etwa ein Viertel der Unternehmen erwägen, ihre Investitionen hierzulande zu verringern und 28 Prozent sogar den Standort zu verlassen. Umgekehrt würden vier von zehn Unternehmen keine Veränderungen bei ihren Investitionen erwarten.

Die Risiken eines Czexit sehen die Firmen vor allem in der Einschränkung aller Freiheiten des EU-Binnenmarktes (74 Prozent). Infolgedessen befürchten sie Einführungen von Zöllen und Steuern (66 Prozent), steigenden Bürokratieaufwand (61 Prozent), Umsatzeinbußen (60 Prozent) und sogar Entlassungen (36 Prozent). Allein die größten deutschen Firmen schaffen in Tschechien geschätzt rund 150.000 Arbeitsplätze. „Den Czexit sehen wir als keine reale Alternative, die die gegenwärtigen Bedingungen verbessern würde“, sagt Milan Šlachta von Bosch.
Laut etwa der Hälfte der Unternehmen würde das Land zudem eine schlechtere Verhandlungsposition bei bilateralen Handelsabkommen haben.  

Keiner der Initiatoren der Debatte hat bisher klar gesagt, was ein Czexit wirtschaftlich, gesellschaftlich und international für Tschechien bedeutet. Deutlich über 80 Prozent des tschechischen Außenhandels wird mit der EU abgewickelt. Der europäische Binnenmarkt mit seinen vier Freiheiten ist dafür die Grundlage“, sagt DTIHK-Präsident Jörg Mathew und mahnt: „Die Frage ist, ob diejenigen, die diesen Geist beschwören, ihn dann auch wieder in die Flasche zurückstopfen können.“

Nach Ansicht der befragten Firmen schadet dem Land allein schon die Diskussion. Die Wirtschaft fordert in der Umfrage ein klares „Ja“ der Politik für den Verbleib des Landes in der EU und die Ablehnung eines Referendums, mit dem Bürger über außenpolitische Fragen entscheiden. Die Unternehmen kritisierten auch den Ton der Czexit-Debatte. Politiker sollten die Vorteile der Mitgliedschaft deutlich herausstellen, weniger Populismus und mehr Sachlichkeit in die Diskussion bringen.

Der führende Ökonom und Präsident des renommierten ifo-Instituts für Wirtschaftsforschung, Clemens Fuest, hält einen Wunsch nach mehr nationaler Selbstbestimmung für legitim. Aber er warnt zugleich vor einer unsachlichen Czexit-Diskussion, die die Realitäten verschweigt: „Die tschechische Politik und die Medien haben eine hohe Verantwortung in dieser Frage. Die Menschen hier müssen wissen, dass diese sehr positive Wirtschaftsentwicklung voraussichtlich nicht weitergehen wird, wenn das Land die EU verlässt. Die Frage an die tschechische Bevölkerung lautet: Seid ihr bereit, sehr gute Wachstumsperspektiven zu gefährden für mehr Unabhängigkeit?“

Zur Umfrage:

  • Befragungszeitraum: 8. – 13. März 2018
  • Teilnehmerkreis: Unternehmen, die in Tschechien tätig sind, davon 28 % tschechische Unternehmen und 72 % Firmen mit ausländischen Kapitalanteilen
  • Teilnehmerzahl: 150
  • Beteiligung nach Sektoren: 51 % Dienstleistungen, 34 % Herstellungsfirmen,
    15 % Handel