DTIHK-Konjunkturumfrage 2018: Stimmungslage auf höchstem Wert seit 2002. Gefahr für den Standort - Fachkräftemangel und politische Instabilität

17.04.18 AHK Tschechien - News-Hauptkategorie

v. l. Christian Rühmkorf, Bernard Bauer

Dennoch: Tschechien erneut das attraktivste Land in MOE-Region


Die Wirtschaftslage in Tschechien ist die beste seit anderthalb Jahrzehnten, ganze 73 % der Investoren bewerten sie als „gut“. Auch bei den eigenen Geschäftsaussichten herrscht kräftiger Optimismus, die Erwartungen beim Exportabsatz sowie die Investitionspläne der Unternehmen deuten auf Hochkonjunktur. Dies zeigt die aktuelle Konjunkturumfrage der DTIHK, die seit 2002 die Stimmung unter Investoren in Tschechien erhebt. Doch das gute Stimmungsbild zeigt zunehmend Risse: der Fachkräftemangel und eine noch nie dagewesene Lohnkostensteigerung verderben die Laune. Zudem verweisen die Investoren den Standortfaktor „politische Stabilität“ überraschend eindeutig auf den vorletzten Platz. Drei Viertel von ihnen rechnen mit instabileren und weniger berechenbaren politischen Verhältnissen. Im mittel- und osteuropäischen Vergleich jedoch hat sich Tschechien wieder Platz 1 als attraktivster Investitionsstandort gesichert.


Wirtschaftslage mit Spitzenwerten
Die Stimmung unter Investoren erreicht einen neuen Höchststand. Fast drei Viertel (73 %) bewerten die aktuelle Wirtschaftslage in Tschechien als „gut“ und nur 2 % als „schlecht“ - so wenig wie noch nie. Damit übertraf die Bewertung deutlich die Euphorie von 2004 („gut“: 64 %; schlecht: 4 %), das Jahr des tschechischen EU-Beitritts. Was die Aussichten für den Jahresverlauf 2018 betrifft, so glaubt nur ein Viertel der Unternehmen an eine weitere Verbesserung – ein Beleg dafür, dass sich die tschechische Wirtschaft einer Hochkonjunkturphase nähert.

Exporteure strotzen vor Optimismus
Bei den Aussichten für das eigene Geschäft rechnen die Investoren allerdings weiter ungebremst mit Wachstum. Ganze 53 % erwarten eine Steigerung des Exportabsatzes, das sind 12 % mehr als im Vorjahr, zwei Drittel der Unternehmen gehen auch von wachsenden Umsätzen aus. „Wie man sieht, hat das Ende der Währungsintervention die Exporteure nicht auf dem falschen Fuß erwischt. Mehr als die starke Krone, machen die personellen Engpässe bei vollen Auftragsbüchern den Unternehmen einen Strich durch die Rechnung“, meint DTIHK-Geschäftsführer Bernard Bauer.

Krisenstimmung im HR-Bereich, Lohnkosten schnellen nach oben
Bereits zum dritten Mal in Folge verweisen die Investoren den Standortfaktor „Verfügbarkeit von Fachkräften“ im Ranking auf den letzten von insgesamt 21 Plätzen. Gleichzeitig wollen die Unternehmen aufgrund der ausgezeichneten Auftragslage im Vergleich zum Vorjahr auch wieder mehr Mitarbeiter einstellen. „Die Vollbeschäftigung im Land wird zunehmend zu einem Problem!“, meint auch der Commerzbank-Chef für
Tschechien und die Slowakei, Michael T. Krüger.

Spiegel dieser Entwicklung sind die bereits im letzten Jahr in vielen Branchen rasant gestiegenen Lohnkosten, und dieser Trend setzt sich fort. Zwei von fünf Unternehmen rechnen mit einer heftigen Steigerung der Lohnkosten von mehr als 8 %, über die Hälfte stellt sich auf bis zu 8 % ein. Infolgedessen stürzt der Standortfaktor „Arbeitskosten“ auf Platz 11 ab und zeigt damit, dass Tschechien diesen Wettbewerbsvorteil langsam einbüßt. Vor drei Jahren war der Faktor noch unter den Top 5. Immer unzufriedener sind die Manager auch mit der „Qualifikation der Arbeitnehmer“ und dem „Berufsbildungssystem“, das für Dauerkritik sorgt.

Fachkräftemangel als Treiber für Investitionen
So investitionsfreudig wie 2018 zeigten sich die Unternehmen in der Umfrage noch nie. 55 % der Betriebe rechnen mit steigenden Investitionsausgaben, ein Zuwachs von 14 % gegenüber dem Vorjahr. „Ein Gutteil dieser Gelder dürften Investitionen in Digitalisierung und Automatisierung sein. Viele Betriebe erhoffen sich damit auch mehr Unabhängigkeit vom Arbeitsmarkt“, so Krüger.

Absturz beim Faktor „politische Stabilität“, Czexit-Debatte beunruhigt
Die politische Hängepartie verunsichert die Unternehmen. Der Standortfaktor „politische Stabilität“ verzeichnete gegenüber dem Vorjahr einen steilen Absturz von Platz 11 auf den vorletzten Platz (20). Über zwei Drittel der Unternehmer und Investoren stufen stabile politische Verhältnisse als wichtig oder sehr wichtig für das eigene Business ein. So ist der Befund alarmierend: Drei von vier erwarten, dass die politische Lage noch instabiler und unberechenbarer wird.

Dazu beigetragen hat auch die aktuelle Debatte um einen EU-Austritt des Landes. Insgesamt 83 % der ausländischen Investoren und sogar zwei Drittel der tschechischen Firmen beunruhigt die Debatte, wie die März-Umfrage der DTIHK zum Thema „Czexit“ zeigen konnte. Und so ist auch in der aktuellen Konjunkturumfrage der Standortfaktor „EU-Mitgliedschaft“ im Ranking erneut auf Platz 1 gelandet.

MOE-Vergleich: Tschechien wieder Nr. 1
Tschechien genießt erneut den Spitzenplatz in der Rangliste der 16 mittel- und osteuropäischen Investitionsstandorte und baut den Vorsprung vor Polen und der Slowakei sogar noch aus.


Zur Umfrage
Befragungszeitraum: Februar 2018
Teilnehmerkreis: Mitgliedsunternehmen der DTIHK und deutsche Unternehmen in Tschechien
Teilnehmerzahl: ca. 130
Beteiligung nach Sektoren: 56 % verarbeitendes Gewerbe, 25 % Dienstleistungen, 16 % Handel, 2 % Bauwirtschaft, 1 % Energie- und Wasserversorgung, Entsorgung

Fotos zur Pressemitteilung finden Sie » hier.

Die Ergebnisse der DTIHK-Konjunkturumfrage 2018 (pdf, 900 kB)

Kontakt:
Christian Rühmkorf
Tel.: +420 221 490 303
E-Mail: ruehmkorf(at)dtihk.cz


Foto © Jaromír Zubák